Ist mein KI-Agent hilfreich – oder nur ein Tamagotchi, das meine Zeit frisst?

Ich wollte einen KI-Agenten, der mir den Rücken freihält. Ein paar Wochen später hielt ich einen alten Linux-Laptop am Leben, baute eine virtuelle Firma, verbrannte Token und stellte mir eine ziemlich unangenehme Frage: Wer arbeitet hier eigentlich für wen?

Illustration eines KI-Agenten als digitales Tamagotchi

Mein KI-Agent sollte mir Arbeit abnehmen. Das war jedenfalls der Plan.

Ich bin selbstständiger Videoproduzent. Das heißt: Ich entwickle Ideen, drehe, schneide, spreche mit Kundinnen und Kunden – und kümmere mich nebenbei um all die Dinge, die man in der romantischen Vorstellung von kreativer Selbstständigkeit gerne vergisst. Termine. E-Mails. Dateien. Angebote. Projektstände. Akquise. Noch eine Datei. Und irgendwo ist immer eine Information, von der ich genau weiß, dass ich sie abgelegt habe. Nur leider nicht mehr wo.

Als mit OpenClaw der erste brauchbare KI-Agent auftauchte, hatte ich deshalb sofort dieses Bild im Kopf: ein kleiner Computer, der den organisatorischen Teil übernimmt. Eine Art persönliche Assistentin, die meine Projekte kennt, Informationen zusammenführt und mir im richtigen Moment das Richtige hinlegt. Ich kümmere mich um Filme. Sie kümmert sich darum, dass mein Laden nicht zwischen E-Mails, Projektordnern und halbfertigen To-do-Listen verschwindet.

Also machte ich mich an die Arbeit, um so einen Assistenten selbst aufzusetzen. Das eskalierte schnell.

Die kleine Produktionsfirma in meinem Kopf

Ich bin kein Programmierer. Ich bin auch kein Informatiker. Vor diesem Experiment hatte ich selten einen Grund, überhaupt ein Terminal zu öffnen. Genau dort sollte ich nun Befehle eingeben, Linux verwalten, Zugänge einrichten und einem KI-System erlauben, auf einem Computer zu arbeiten.

Vernünftigerweise hätte ich wahrscheinlich mit einer kleinen Aufgabe angefangen.

Stattdessen habe ich meiner Agentin erst einmal einen Namen und einen Beruf gegeben. Sie heißt Trix und sollte mehr sein als eine Assistentin. In meiner Vorstellung war sie die organisatorische Leitung einer virtuellen Produktionsfirma. Sie sollte alle Projekte kennen, Dateien erstellen, Wissen über verschiedene Kunden zusammenbringen und den ganzen Maschinenraum im Blick behalten, während ich vorne die kreativen Entscheidungen treffe.

Sie kann Dokumente lesen, auf Ordner zugreifen und Aufgaben ausführen. Genau das hatte mir bei den bisherigen KI-Chats gefehlt. Ich wollte nicht ständig alte Gespräche kopieren und in neue Fenster einfügen. Trix sollte wissen, woran wir arbeiten.

Ein alter Laptop bekommt einen Job

Ein Agent mit weitreichendem Zugriff auf den eigenen Rechner ist praktisch. Er ist auch ein ziemlich guter Grund, kurz über Sicherheit nachzudenken.

Wenn ein System das Terminal bedienen kann, kann es auf diesem Computer sehr viel tun. Und wenn man selbst nicht genau versteht, was im Terminal gerade passiert, entwickelt man dabei eine interessante Mischung aus Größenwahn und leichter Panik.

Zum Glück hatte ich noch einen ungefähr zehn Jahre alten Windows-Laptop herumliegen. Ich machte ihn platt, installierte Linux und setzte dort mit OpenClaw meinen Agenten auf. Ich verband Trix mit allem, was irgendwie nützlich klang. Discord. Telegram. Gmail. Kalender. Google Docs, Sheets und Drive. Dazu kamen externe Werkzeuge. Mir war klar, dass ein eigener Zugang sinnvoller war als der freie Weg in mein digitales Leben. Trix bekam also einen eigenen Google-Account, eine eigene E-Mail-Adresse, einen eigenen Kalender und ein eigenes Drive. Wenn eine berufliche Mail für sie relevant ist, leite ich sie weiter. Wenn sie einen Termin anlegt, kann ich ihren Kalender in meinem sehen. Meine privaten Mails und mein eigener Kalender bleiben dabei außen vor.

Diese Trennung war einer der ersten Schritte, die sich später als wirklich vernünftig erwiesen haben.

Aus Trix wird Mega-Trix

Zuerst brauchte Trix eine Identität. Dann ein Gedächtnis. Dann Fähigkeiten, sogenannte Skills. Dann verschiedene Sessions und Zugriff auf meine Dateien. Das war alles noch nah an meinem ursprünglichen Wunsch.

Als Oberfläche suchte ich mir Notion aus. Das Problem: Ich hatte Notion vorher kaum benutzt und wollte es eigentlich auch gar nicht benutzen. Nun musste ich plötzlich ein neues Werkzeug lernen, damit mein Agent mir die Arbeit mit meinen vorhandenen Werkzeugen erleichtern konnte.

Ich richtete einen Kanal ein, in den ich Trix Artikel und Informationen schickte. Lies das. Lern das. Installier diesen Skill. Schau dir jenes System an. Mit jedem Fundstück sollte sie stärker werden. Aus Trix wurde in meinem Kopf „Mega-Trix“, ein einzelner Agent, der irgendwann alles kann.

Die KI antwortete sehr zuverlässig: Mache ich.

Das ist eine gefährliche Antwort, wenn man viele Ideen und wenig Ahnung von Softwarearchitektur hat. Ich glaubte, so ein Agent arbeitet eben los, läuft Tag und Nacht und kommt nach ein oder zwei Tagen mit dem fertigen Ergebnis zurück. In der Praxis machte er lange irgendetwas, produzierte Dateien, baute Oberflächen, verhedderte sich und war am nächsten Morgen gelegentlich gar nicht mehr ansprechbar.

Meine erste Version scheiterte an zu vielen Ideen. Bei der nächsten wollte ich alles besser strukturieren und günstiger machen. Denn neben meiner Zeit verschwanden auch Token. Am ersten Tag mit einem besonders leistungsfähigen Modell waren von 100 Euro Guthaben ungefähr 50 Euro weg. Ich hatte offenbar sehr viel Rechenleistung darauf angesetzt, mir ein System zu bauen, das mir irgendwann vielleicht Arbeit abnehmen würde.

„Token Maxing“ klang damals in manchen Diskussionen fast wie eine Sportart: Wer die meisten Token verbraucht, ist besonders produktiv. Ich kann bestätigen, dass man sehr viele Token verbrauchen kann. Bei der Produktivität ist der Zusammenhang etwas lockerer.

Auch der ständige Wechsel zwischen Modellen machte mein System nicht stabiler. Heute dieses Modell, morgen ein anderes, für jede Aufgabe noch eine eigene Auswahl. Ich rannte jedem kleinen Vorsprung hinterher und wunderte mich, dass die Konstruktion irgendwann umfiel.

Der Tamagotchi-Moment

Ich hatte tagelang, teilweise wochenlang, kaum an den Dingen gearbeitet, für die ich den Agenten überhaupt wollte. Statt Videos zu machen, saß ich vor meinem digitalen Haustier. Ich fütterte es mit Skills, prüfte, ob es noch reagiert, formulierte Regeln um, reparierte sein Gedächtnis und setzte es neu auf, wenn es sich wieder verschluckt hatte.

Mein Agent war kein Mitarbeiter geworden. Er war ein Tamagotchi.

Nur dass das Tamagotchi von früher irgendwann piepste, wenn es Hunger hatte. Trix konnte dabei gleichzeitig noch API-Kosten produzieren und meinen Kalender sehen.

Das ist die unangenehme Seite des Agenten-Hypes. Man kann sehr leicht den Eindruck bekommen, man müsse sich jetzt sein eigenes digitales Universum bauen. Alles automatisieren. Noch ein Modell testen. Noch ein Dashboard. Noch einen Subagenten losschicken.

Dabei fühlt sich das Bauen produktiv an. Man arbeitet ja ständig. Man löst einen Fehler und bastelt an einer Struktur. Wenn das alles einmal fertig ist, dann habe ich endlich Zeit für meine eigentliche Arbeit.

Bei mir kam diese Zukunft eine ganze Weile nicht.

Ich wollte mit KI meine Fähigkeiten erweitern. Stattdessen erweiterte ich vor allem meine Aufgabenliste um Linux, Accounts, Berechtigungen, Modellwahl, Tokenkosten und Softwarearchitektur. Genau das wollte ich eigentlich nie beruflich machen.

Also habe ich aufgehört, mein Agentensystem nach seinem theoretischen Potenzial zu beurteilen. Seitdem stelle ich eine banalere Frage: Hilft mir Trix heute bei einem echten Projekt?

Was heute von der großen Vision übrig ist

Meine jetzige Version von Trix ist deutlich schlanker. Der alte Laptop ist in Rente. Der Agent läuft inzwischen auf einem VPS, einem virtuellen Server. Weniger Connectoren, weniger Oberflächen.

Was ich heute brauche, ist eher eine schlanke Art Second Brain. Trix muss nicht alles können. Sie muss erreichbar sein, meine freigegebenen Arbeitsinformationen kennen und mir beim Wiederfinden und Erstellen helfen.

Sie hat weiterhin ihren eigenen Google-Account. Sie kann Dokumente in ihrem Drive anlegen und für mich freigeben. Sie kann Termine in ihren Kalender schreiben, den ich bei mir einblende. Berufliche E-Mails bekommt sie weitergeleitet, statt in meinem kompletten Postfach herumzuwühlen. Unser gemeinsamer Arbeitsraum bleibt damit verständlich und halbwegs getrennt von meinem privaten digitalen Durcheinander.

Wir sprechen über Discord miteinander. Nicht, weil Discord die perfekte Oberfläche für KI-Agenten wäre. Vor allem weil ich es bereits installiert habe und kenne. Das ist inzwischen ein ziemlich wichtiges Auswahlkriterium für mich. Keine neuen Tools mehr für mich. Trix muss da sein, wo ich bin!

Morgens bekomme ich eine E-Mail mit dem, was ansteht. Ich brauche kein großes Dashboard, das mir erklärt, dass ich einen Termin habe.

Für den Moment übernimmt Trix vor allem Sekretariatsarbeit. Meine großen Konzepte sind nicht verschwunden. Die virtuelle Produktionsfirma, automatisierte Videoproduktion und all die anderen Ideen liegen weiter da. Ab und zu lasse ich ein neues Modell darauf schauen und frage, ob es die Pläne inzwischen umsetzen könnte. Die Antwort ist meistens enthusiastisch. Ich frage dann lieber noch einmal nach.

Ich glaube weiterhin, dass KI-Agenten für meine Arbeit spannend sind. Sonst hätte ich nach Version zwei aufgehört. Aber ich glaube nicht mehr, dass ihr Wert daran hängt, wie viele Systeme sie kontrollieren oder wie eindrucksvoll ihre Architektur auf einem Schaubild aussieht.

Mein Fazit heute: Ein Agent ist hilfreich, wenn er mich in meiner Arbeit unterstützt. Wenn er Informationen findet und Dokumente so vorbereitet, dass ich das machen kann, was ich eh machen muss.